Sittenbild der globalen Finanzmärkte

Rezension des Romans „Argentinisches Roulette“ durch Ralf Frank, Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA), im DVFA-Blog:

Liebe Mitglieder und Freunde der DVFA,

man kann versuchen, das Wesen des internationalen Finanzkapitalismus als systemisch zu beschreiben. Tut man dies, dann hat der einzelne, um es mit Niklas Luhmann zu sagen, keine Rolle zu spielen. Er ist eingebettet in Prozesse, seiner eigenen Beobachtung, die nur an das ankoppeln kann, was er “lesen” kann, er ist ein Rädchen im Getriebe. Man kann globale Finanzmärkte auch als Casinos beschreiben, in denen einzelne Akteure, auch ganze Gruppen einer finsteren Motivation folgen, die da heißt: eigene Profite steigern um jeden Preis – und sei es auch, ganze Unternehmen oder gar Volkswirtschaften in den Ruin zu treiben. Beide Positionen verfehlen das Thema.

Innerhalb der internationalen Finanzmärkte entwickeln sich Dynamiken, die von einzelnen Personen getriggert werden können, es gibt Nutznießer und Geschädigte, aber die eigentlichen Dynamiken und ihre Folgen können kaum abgesehen werden, zumindest vom Einzelnen. Gleichsam wie Wellenreiter surfen die Akteure auf Wellen, die sie z.T. selber angestoßen haben, und auf deren Kämmen andere mitsurfen, sich anhängen, oder untergehen. Es gibt Akteure, Protagonisten, Antagonisten, Free Rider, Early Adopters und Late Followers. Dieses Bild eignet sich nicht dafür, populistisch ausgeschlachtet zu werden. Es bietet sich auch nicht einer mentalen Hygiene, die nach einfachen Antworten sucht. Aber es bot Spielfläche für einen Roman, der sich Dynamiken internationaler Finanzmärkte, Machenschaften globaler Organisationen und der politischen Einflussnahme als Sujet ausgesucht hat.

Buchcover_Argentisches_Roulette_200Mit seinem Argentinischen Roulette hat Georg Schattney ein spannendes Sittenbild der globalen Finanzmärkte abgeliefert, das gänzlich ohne moralischen Zeigefinger auskommt. Im Stile fast schon eines Roadmovies begeben sich Wolfgang Willarth und seine Ex-Kollegen, die schon einmal als Hedge Funds Manager kapitalen Schiffbruch erlitten haben und unter den staatlichen Schirm fliehen durften (man denkt dabei unweigerlich an LTCM), später dann den Zenit des Neuen Marktes und damit den rechtzeitigen Ausstieg verpasst haben, auf eine forensische Erkundung über auffällige Trades im Vorfeld der Terroranschläge vom 11. September 2001. Ist es Zufall? Oder sind hier Kräfte am Werk, die das Weltfinanzsystem destabilisieren wollen? Willarth und seine Leute stoßen auf eine kleine Gruppe von Hasardeuren und Freibeutern, die sich im Umfeld des IWF und der Weltbank zusammengetan haben, und die im globalen Finanzmarkt ihre eigenen Absichten verfolgen (und dies sind durchaus kriminelle, wenngleich nicht profitorientierte Absichten.) Ihre enge Verdrahtung zu IWF und Weltbank hilft ihnen dabei, Strippen zu ziehen, ohne aus der Deckung zu kommen.

Ein Großteil des Romans spielt im Argentinien in der Zeit unmittelbar nach dem 11. September 2001 und er spielt damit im Endgame der Argentinien-Krise. Man kann sich nicht helfen, bei der Lektüre an Griechenland 2015 zu denken. Korruption, Steuerflucht der wohlhabenden Stände über Jahrzehnte, die Haltung der politischen Kaste zwischen Lakonik und Zynismus. Und das Geld ist ja nicht weg, ist halt nur woanders. Wütende, weil hilflose Demos in den Straßen. Als Kontrast dazu die aristokratische Kühle von Bloombergterminals und Finanz-Elite.

Schattney weiß, wovon er spricht. Er verfügt über jahrelange Erfahrung in globalen Finanzkonzernen. Dies zeigt sich immer dann, wenn er ohne jegliche Science Fiction-Romantik oder linke Kapitalmarkt-Folklore beschreibt, wie in Märkten gearbeitet wird, wie Daten zu Trading-Ideen gerinnen, Menschen, die an den notorischen Schirmen und ihren Datenströmen kleben, wenn er z.B. die Dramaturgie schildert, die sich entfaltet, wenn eine  Armada von globalen Tradern sich mit Iceberg Orders langsam in eine von einer fingierten IWF-Rettungsaktion ausgelösten Lawine von Trades begibt. Auch seine Akteure haben fast schon naturalistische Züge, und sind deshalb authentisch: da ist die Quant-Asiatin, die wie ein Roboter technokratisch Zug um Zug der Fahndung abarbeitet, und niemals das System in Frage stellt. Da ist der abergläubische Russe, der glaubt, dass die Weissagungen von Wahrsagerinnen über das Ende der Welt sich erfüllen werden. Und da ist last but not least Mascha, Femme Fatale, Hyperbrain, Willarths ehemalige Geliebte, die nur im Finanzmarkt eiskalt agiert. Willarth schließlich, nicht unbedingt geläuterter Ex-Hedge-Fondsmanager und Zocker, den Schattney den letzten Teil seines eigenen Bildungsromans, seine Meisterjahre, erleben lässt. Sicherlich das gewichtigste Argument für Argentinisches Roulette ist, dass Schattney seine intimen Kenntnisse der Finanzmärkte nicht dazu verführen, eine zwangsläufig platte Moral mitzuliefern. Er spielt intelligent mit dem front stage/back stage, mit dem Sein und Schein, mithin auch der Hilflosigkeit seiner Charaktere, die trotz eindeutigen Expertenwissen dem Strom von Trades, die Argentinien in das Chaos stürzen, nicht Herr werden können. Oder wenn er z.B. die Janusgesichtigkeit, die mit einer Organisation wie dem IWF einhergeht, vorführt. Vordergründig Hilfe in der Not, hintergründig eine Organisation, deren Kuss Volkswirtschaften auch immer mit neoliberaler Doktrin infiziert. Und als erstes das Tafelsilber verramscht.

Jedes Roadmovie braucht einen Soundtrack. The Doors unterlegen Argentinisches Roulette mit ihrer Musik. Dabei dienen Auszüge aus den teilweise apokalyptischen Texte von Jim Morrison, dem charismatischen Sänger der Band, der 1971 unter mysteriösen Umständen in einer Badewanne in Paris umkam, nicht nur als Zitate. Jim Morrison, dessen Tod oft in Verbindung gebracht wird mit seinem Drogenkonsum und ausschweifendem Leben (der Name der Band rührt von Aldous Huxleys Buch über seine Mescalin-Experimente, The Doors of Perception, zu deutsch: Pforten der Wahrnehmung), spielt auch eine Rolle in dem Netz der Strippenzieher, denen Willarth auf die Spur kommt – und auch, so viel sei verraten, in Willarths Vergangenheit.

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